Bevölkerung und Arbeit

Die Behinderung des Strukturwandels durch die „mentalen Altlasten“ wurde noch verstärkt durch einen weiteren Komplex, durch den demografischen Wandel. Gerade die wirtschaftlichen und sozio-ökonomischen Probleme der Bevölkerungsdynamik gaben einem Wirkungskreislauf Schwung, der alle Anzeichen eines nur schwer kontrollierbaren „circulus vitiosus“, einer sich selbst erhaltenden Problemspirale aufzeigte.

Mit den montanindustriellen Krisen der späten 1950er bis 1980er Jahre entfaltete sich das wachsende Problem der Arbeitslosigkeit. Konsequent kehrte die jüngere, besser ausgebildete und aktivere Bevölkerung der Region bereits seit den 1970er Jahren den Rücken. So fehlt in der Bevölkerungspyramide der Region ein erheblicher Teil der „Babyboomer“. Der „Pillenknick“ – eine Folge der neuen Verhütungsmittel – trug seinen Teil dazu bei, dass die Eltern jener Kinder, die der Region heute fehlen, gar nicht erst geboren wurden. Bis 2030 wird die Bevölkerung des Ruhrgebietes gegenüber 2010 um ca. ein halbe Million niedriger sein, die Zahl der unter 18-Jährigen sinkt um 180.000, die der über 65-Jährigen steigt um ca. 240.000 Menschen.

Das Ruhrgebiet ist damit Vorreiter des demografischen Wandels, der anderen Regionen noch bevorsteht: Die Bevölkerung wird weniger, älter und bunter (im Sinne ethnischer Vielfalt).

Bevölkerungsentwicklung im Ruhrgebiet<br>Quelle: RVR-Datenbank, zitiert nach Keil/Wetterau 2013, S. 25
Bevölkerungsentwicklung im Ruhrgebiet

Integrationsprobleme sowie Defizite von Facharbeitern gehören heute schon zu den regionalwirtschaftlichen „Bremsen“ des Wirtschaftswachstums und der Standortgunst.

Faktoren wie die (u.a. beruflich) geänderte Rolle der Frau, die Flexibilisierung des (Arbeits-) Lebens führen dazu, dass der Kinderwunsch kontinuierlich verzögert wird und sinkt. Bei einer Geburtenrate von nur knapp 1,4 Kindern pro Frau sinkt die Bevölkerung pro Generation um etwa ein Drittel, sofern der Prozess nicht vom Einwanderungsüberschuss kompensiert wird.

Die Bevölkerung wird älter ... <br>Quelle: RVR-Fotoarchiv
Die Bevölkerung wird älter ...

Erst eine Quote von 2,1 Kindern würde den Stand erhalten. Ausnahmen bilden hierbei die Menschen mit „Migrationshintergrund“. Aufgrund höherer Geburtenraten wuchs ihr relativer Anteil, jedoch gleicht sich deren Geburtenverhalten schnell an. Zudem steigt die Lebenserwartung der Menschen, sie werden also immer älter.

Die Folgen der Bevölkerungsschrumpfung sind problematisch:

  • Die Tragfähigkeit der lokalen Versorgungseinrichtungen sinkt, Einzelhändler- und Dienstleister schließen ihre Geschäfte.
  • Die ungünstige, teils prekäre Verkehrs- und Versorgungslage am Ort führt zur Abwanderung auch der Alten aus „Suburbia“ in stadtnahe, altengerechte Wohnungen. 
  • Die haushaltsorientierte Infrastruktur muss umgebaut werden (z. B. Kindergärten, Altenheime, Schulen, Kirchen).
  • Der Arbeitsmarkt wird unattraktiv, Unternehmen meiden überalterte Regionen.
  • Die (Steuer-) Einnahmen der Gemeinden sinken. Die öffentlichen Haushalte des Ruhrgebiets sind hoch überschuldet: Dem zunehmenden Erneuerungs- /Umbaubedarf stehen abnehmende Handlungsspielräume entgegen.
  • Wohn- Freizeit und Standortqualität sinken. Erhöhter Abwanderungsdruck und verminderte Zuwanderungen geben dem „circulus vitiosus“ neuen Schwung. Allerdings lassen sich  ab dem Jahr 2012 wieder verstärkte Zuwanderungsströme beobachten.

Zudem hat sich der Arbeitsmarkt zur „Wissensgesellschaft“ gewandelt: Der Wettbewerb um die hochqualifizierten Wissensarbeiter nimmt eine Schlüsselposition der Regionalentwicklung und des Strukturwandels ein: Qualifiziertes „Humankapital“ ist zu einem raren Gut geworden: Die innovativen kleinen und mittleren Betriebe ziehen den Wohnstandortwünschen der Wissensarbeiter nach.