Entfaltung der Montanindustrie

Nachdem erstmals die Mergeldecke über der Kohle in den 1830er Jahren durchstoßen werden konnte, war der Zugang zu der verkokbaren Fettkohle gesichert. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird der montanindustrielle Aufschwung durch eine Reihe sich selbst stärkender Verursachungsprozesse gefördert. Sie weisen als kumulativer Prozess alle Anzeichen eines „Basistechnologischen Kondratieff-Zyklus“ auf:

  • Knowhow-Transfer (z.B. durch Industriespionage, Kauf von Lizenzen, Einstellung ausländischer Experten) und metallurgische Innovationen: Verbesserte Verfahren der Stahlschmelze sorgten für rationellere, billigere und großvolumigere Herstellung. Die Walzeisentechnik erlaubte die Produktion von Blechen, der Stahlformguss die von Rädern und anderen Formstücken.
  • Neuerungen im internationalen Finanzsystem (z.B. Aktiengesellschaften, rheinische und ausländische Kapitalgeber) führten das Industrie- und Handelskapital zusammen. Kölner Handelsbanken und ausländische Kapitalgeber stellten das erforderliche umfangreiche Kapital zur Verfügung. Eine Fülle von Unternehmensgründungen ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Folge.
  • Die Schifffahrt und der Bau von Kanalsystemen, besonders die Eisenbahn, setzte ein drittes Schwungrad der Entwicklung in Bewegung: Ihr Ausbau (Schienennetz, rollendes Material) konsumierte sowohl Stahl und Kohle, erschloss aber auch neue Absatz- und Arbeitsmärkte, exportierte Stahl sowie Kohle und „importierte“ Arbeitskraft und Bevölkerung.
Wasserstraßen und Häfen im Ruhrgebiet<br>Quelle: Nach Hoppe et al. 2010, S. 54
Wasserstraßen und Häfen im Ruhrgebiet
  • Damit wurde auch die Ausweitung politischer Handlungsspielräume ermöglicht: Die kleinstaatlichen Strukturen lösten sich auf, Handelsliberalisierung trat hinzu. Die Vereinheitlichung Deutschlands übte ihrerseits hohen Druck auf die infrastrukturelle Erschließung aus (Handel, Militär, Administration).
  • Der neue Staat trat mit der Aufgabe der infrastrukturellen Durchdringung nun selbst als Investor und Auftraggeber auf, was besonders den Großkunden (z.B. Krupp, Haniel, Hoesch, Harkort) Auftragssicherung und Absatzsteigerung brachte.
  • Schließlich stieg mit dem arbeitsintensiven Bedarf der Industrie nach Arbeitskräften (z.B. aus Polen) und ihren Familien der Bausektor rasant: Nicht nur der industriebezogene Bedarf (Produktionsgebäude, Werksstraßen und -bahnen, Rohrleitungssysteme, Kanäle, Häfen, Stromleitungen, …), sondern auch der der Bedarf an Wohnungsbau, Versorgungseinrichtungen wie Handel, Schulen, Krankenhäuser, Verkehrseinrichtungen und Dienstleistungen wuchsen in kaum zu bewältigendem Tempo.

Die zirkuläre, sich selbstverstärkende Verursachungsdynamik verdichteten sich zu einem Urbanisierungs- und Industrialisierungskomplex, der Anfang des 20. Jahrhunderts alle regionalgesellschaftlichen Bereich durchdrungen hatte, so auch die Arbeiterkultur als Wohn- und Lebensform (Zechensiedlungen). Das Bürgertum fehlte weitgehend. Die vorherrschende Regionalpolitik ging von den Großunternehmen aus und war auf eine hierarchische, standort-, gesellschafts- und sektorbezogene Monokultur gerichtet.