Hürden des strukturellen Wandels

In der Spätphase der Montanindustrie war die regionalökonomische Entwicklung weniger durch Innovationen (neue Produkte, Branchen, Märkte, Organisationsformen) charakterisiert. Im Gegenteil wurden zunächst die Expansionsmöglichkeiten, später zunehmend die Rationalisierungs- und Erhaltungspotenziale der Montanindustrie bis aufs äußerste ausgeschöpft. Dazu trägt bis heute die Steinkohle-Subventionierung bei. Sie behinderte nicht nur die Handlungsspielräume der regionalen Wirtschaftspolitik, sich auf zukunftsträchtige Branchen umzuorientieren. Sie förderte zudem eine Subventionsmentalität, die den regionalen Wandlungs- bzw. Innovationsdruck der Unternehmen, Zulieferer und Wirtschaftspolitik stark minderte.

Andererseits diente die Subventionierung des Bergbaus der Erhaltung bzw. dem sozialverträglichen Abbau von hunderttausenden Arbeitsplätzen. Eine Interessenskoalition von Unternehmerschaft, Arbeitnehmern/Gewerkschaften und (National-/Regional-) Politik bildete sich aus. Der Umbau der „alten Industriegesellschaft“ in eine „neue Dienstleistungsgesellschaft“ und weiter in die Wissensgesellschaft konnte so vergleichsweise sozialverträglich gestaltet werden und gilt weltweit als Modell eines sozial gelungenen, industriegesellschaftlichen Umbaus.

Die Folgekosten sind jedoch erheblich: Das Ruhrgebiet ist zu einer wirtschaftsstrukturell „verspäteten Region“ geworden. So konnte der Anschluss an moderne, weltmarktfähige Wirtschaftsstrukturen und Branchen oft nur mühsam, spät und nur teilweise errungen werden, da sich „moderne“ Branchen andernorts – z.B. in Süddeutschland – früher, intensiver und erfolgreicher angesiedelt haben (z.B. Elektroindustrie, Automobilbau, Elektronik/Information und Kommunikation, Pharma- und Chemiebranche). Ausnahmen stellen die IUK- und Mikrosystemtechnik in Dortmund und die Opelwerke in Bochum dar. Für letztere ist aber das Aus zur Mitte des laufenden Jahrzehnts beschlossen.

Schrägluftbild der Opelwerke in Bochum<br>Quelle RVR-Luftbildsammlung 2004
Schrägluftbild der Opelwerke in Bochum

Parallel zu der zögerlichen, zeitlich überdehnten Umbauphase der regionalen Montanindustrie – eingebettet in Subventionsmentalität und Interessenskoalition – vermochten es die Konzerne, sich außerhalb der Region und zunehmend im Ausland neue, wirtschaftlich zukunftsträchtige Branchen und Standorte aufzubauen. Der Modernisierungsdruck, der Umbau der Konzerne, trug so systematisch außerhalb des Ruhrgebietes seine Früchte. Der Abbau, die Entlassung von Arbeitskräften geschah im Ruhrgebiet, der Aufbau aber außerhalb.

Neben diesem indirekten Innovationsverlust leisteten noch andere Faktoren erheblichen Beitrag zur Behinderung und „Verspätung“ der Neustrukturierung:

  • Bodensperre: Die regionalen Großkonzerne mit ihrem riesigen Flächenbesitz gaben u. a. aus Furcht vor Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, diese Flächen nicht oder zu weit überhöhten Preisen frei. Ansiedlungswillige Investoren wurden so aus der Region ferngehalten.
  • Bildungsblockade: Ein Raum von damals 5,4 Mio. Einwohner hatte bis 1964 (Ruhr-Universität Bochum) keine einzige Hochschule: Universitäten und ihre Studentenschaft galten seit Bismarcks Zeiten als Unruheherde, die im Ruhrgebiet als wirtschaftlichem Herz Deutschlands unerwünscht waren. Nach weiteren Universitätsgründungen entfaltete sich erst in den 1970er und 1980er Jahren nach und nach das zum Umbau dringend benötigte, hoch qualifizierte Arbeitskraftpotenzial.
  • Verlust der Innovationskultur: Die monostrukturierte Montanindustrie benötigte eine hochspezialisierte Zulieferindustrie. Jedoch waren Umfang und Qualität der zu liefernden Materialien, Geräte und Dienstleistungen grundsätzlich exakt vorgegeben. Ein Impuls zu eigener Innovationsfähigkeit der Zulieferer war nicht oder nur gering ausgeprägt. Die Innovationskultur der Klein- und Mittelbetriebe, genau jene Wachstumsmotorik also, die für den Umbau erforderlich und andernorts fruchtbar war, hatte sich kaum entwickeln können.
  • Probleme des Ruhrgebiets-Image: Bis zur Jahrhundertwende war das Ruhrgebiet durch ein außerordentlich zählebiges Negativimage in Lohn-, Wohn- und Freizeitwert geprägt. Investitionen von außerhalb blieben ebenso seltene Ausnahmen wie Zuzüge hochqualifizierten „Humankapitals“.
  • Die fehlenden Wachstumsimpulse nährten bei den stagnierenden oder schrumpfenden Kommunen den Konkurrenzdruck. Der Kampf um Arbeitsplätze, (Gewerbe-) Steuereinnahmen und Wohnbevölkerung führte zu einem tief verwurzelten Kommunalegoismus. Interkommunale, gar gesamtregionale Kooperation blieben bis zur Gegenwart eher Ausnahmen.

Dieses Bündel von Be- und Verhinderungen des Strukturwandels bildete einen nur schwer auflösbaren Komplex von „mentalen Altlasten“.