Krise und Niedergang des Montansektors

Ursachen für den Niedergang fanden sich zunächst in den hohen Preisen der Ruhrgebiets-Steinkohle auf Grund der tiefen Lagerung und der aufwändigen Förderbedingungen. Zudem wurde der internationale Handel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend liberalisiert, was den Import von weit preisgünstigerer Kohle ermöglichte. Diese war trotz weiter Seewege, nicht zuletzt wegen der Neuerungen im Schiffsverkehr (Dieselmotoren, Großeinheiten), weit billiger als die Ruhrkohle. Zum Dritten wurde die Steinkohle zunehmend durch andere Rohstoffe wie Erdöl oder Erdgas ersetzt. Die Ruhrkohle als dominanter Energieträger unterlag regional somit einer radikalen Entwertung.

Auch die Stahlindustrie erfuhr grundlegende Probleme: Neue Technologien (z.B. immer geringerer Kokseinsatz in Hochöfen; Elektro-Schmelzverfahren) lösten den Standortverbund von Kohle und Stahl. „Nasse Hüttenstandorte“ an der Küste (z.B. Niederlande, Region Bremen) verminderten die Kohle- und Erztransportkosten. Heute kann sich im Ruhrgebiet nur noch die so genannte Rheinfront (Duisburg) mit hochinnovativen Spezialstählen behaupten. Der Großteil der Produktion von Massenstahl verlagerte sich bei weltweit ungesättigter Nachfrage in internationale, neue Standorte, so z.B. in die einstigen Schwellenländer China, Indien, Brasilien oder an die Mittemeerküste (u.a. durch die neue Generation von „Mini-Stahlwerken“).

Diese Faktoren bündelten sich zu einem sich selbst erhaltenden Prozess des regionalökonomischen Rück- und Umbaus, der auch über sechs Jahrzehnte nach der ersten Kohlekrise noch nicht bewältigt ist.

Das Ruhrgebiet hat sich von Süd nach Nord entwickelt, von der Ruhr- über die Hellweg- bis zur Emscher- und Lippezone. Die Stilllegung der Zechen erfolgte in der gleichen Weise. Dem Rückzug aus der Kohle liegt zugrunde, dass die Tiefbauzechen nur sehr teure, letztlich nicht konkurrenzfähige Kohle fördern konnten und stark subventioniert werden mussten und müssen. Besonders die Emscher-und Lippezone mit ihren relativ jungen, großen Tiefbauzechen mit vielen Tausend Arbeitern waren in jüngerer Zeit betroffen. Von fast 300 Zechen um das Jahr 1850 existieren im Jahre 2013 nur noch zwei, bis 2018 soll auch das letzte Bergwerk schließen.

Entwicklung des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet<br>Quelle: RVR 2010, S. 4
Entwicklung des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet

Somit bergen heute die nördlichen Zonen, besonders die Emscherzone, die größten Herausforderungen zur Bewältigung des Strukturwandels. Städtebauliche Missstände, Arbeitslosigkeit, große Anteile von Menschen mit Migrationshintergrund, Integrationsprobleme und Armut sowie Bildungsdefizite konzentrieren sich hier.

Damit beschreitet das Ruhrgebiet, begleitet von einer Serie von sektoralen Krisen,
unausweichlich und verspätet einen Pfad des Strukturwandels von einer „alten Industrieregion“ zu einer (wissensintensiven) „Dienstleistungsgesellschaft“.