Strukturpolitik für das Ruhrgebiet (Phase 1 und 2)

Das Ruhrgebiet hat seit dem Ende des Wiederaufbau-Booms nach dem Zweiten Weltkrieg und mit den einsetzenden Kohle- und Stahlkrisen eine Fülle von strukturpolitischen Steuerungsversuchen erfahren. Die Region hat dabei nicht selten eine Rolle als Vorreiter und „Experimental-Labor“ („Living Lab“) eingenommen. Sie hat nach 1966 einen weiten Weg von einer staatlich zentralisierten, allumfassenden Gesamtsteuerung („Top down“-Modell) bis zu einem dezentralen, kleinschrittigen bzw. auf (vernetzte) Einzelprojekte ausgerichteten Veränderungsmanagement („Bottom-Up“-Modell) zurückgelegt.

  • Phase 1 (1966 - 1974): Integrierte Strukturpolitik
    Bereits in den 1960er Jahren war der Bundespolitik das Ende der montanindustriellen Zeit deutlich. Pläne einer umfassenden „Neuindustrialisierung“ des Ruhrgebiets scheiterten aber am Widerstand der regionalen Interessenskoalition und der „mentalen Altlasten“. Jedoch konnten einige Kernstücke der „integrierten“, ökonomischen, sozialen und infrastrukturellen Erneuerung durchgesetzt werden, die Mobilisierung der Arbeit (umfassender Verkehrsausbau) und der intellektuellen Ressourcen (Ausbau der Hochschulen). Die Mobilisierung des Bodens misslang jedoch zunächst und brachte erst seit den 1980er Jahren nennenswerte Erfolge.
  • Für die Neuindustrialisierung und die dazu erforderlichen große Anzahl von Arbeitern wurden hoch verdichtete Großwohnsiedlungen errichtet – nicht selten eine Ansammlung vieler Hochhausblöcke mit zehn und mehr Stockwerken. Durch umgebende kleinere Wohneinheiten und Einfamilienhäuser sollte die Sozialstruktur der Bewohnerschaft durchmischt werden. Kleinere Versorgungs- und Schulzentren sowie Grünanlagen in unmittelbarer Nähe sollten die Wohnqualität ebenso aufwerten wie die nahe gelegenen Bus- und Bahnanbindungen.
  • Die Erschließung mit einem intra- und interregionalen S-Bahn- und Autobahnnetz (Ziel: Mobilisierung der Arbeitskraft nach Schließung der Montanwerke) schuf vergleichsweise gute Verkehrsverhältnisse. Im Zentrum der beiden europäischen Hauptachsen und bei reichlich vorhandenem Flächenpotenzial ist in den 1990er Jahren bis ca. 2010 die Logistikbranche zu einem starken Wachstumsmotor geworden. In den anschließenden Jahren sind die großen, für die Logistikbranche geeigneten (Brach-) Flächen der Region bereits rar geworden. Flächenengpässe beschränken das Wachstum der Branche.
  • Die Errichtung einer dichten Bildungs-, Forschungs- und Hochschullandschaft gelang (Ziel: Mobilisierung der intellektuellen Ressourcen). Von 1818 bis zum Jahr 1964 existierte in der Region keine Universität. Kritisch-politisches Potenzial und Wissensarbeiter erschienen angesichts der traditionellen und erstrebten neu-industriellen Massenarbeiterschaft nicht erforderlich. Erst die Erfahrung abnehmender internationaler Wettbewerbskraft der altindustriellen Strukturen (Montanindustrie, Großkonzerne) bei gleichzeitigem Erstarken der neuen Wachstumsträger des innovativen Mittelstandes erforderten ein Umdenken: Im Jahr 2012 gibt es in der Metropole Ruhr gut 220.000 Studierende in 21Hochschulen mit 600 Bildungsgängen.
Räumliche Verteilung von Universitäten und Fachhochschulen im Ruhrgebiet<br>Quelle: Keil/Wetterau 2012, S. 77
Räumliche Verteilung von Universitäten und Fachhochschulen im Ruhrgebiet
  • Die gleichzeitig beabsichtigte „Mobilisierung des Bodens“ (Ziel: Neuansiedlung von Wachstumsbranchen) gelang nur zögerlich und ließ noch bis in die 1980er Jahre auf sich warten (s. „Bodensperre“; Ausnahme: Opelwerke Bochum 1962). Auch das bleibt nicht folgenlos: Oftmals konnten sich nur noch Zweigwerke von Großunternehmen mit Hauptsitz an anderen Standorten ansiedeln. Die Ansiedlung kleiner, innovativer Unternehmen in wachstumsstarken Branchen der neuen Technologien fand in diesem „alten“ Denken erheblich und folgenschwer nicht ausreichend Berücksichtigung.

  • Phase 2 (1975 - 1985): Zentralisierte Strukturpolitik
    Die Phase 1 stand ganz im Zeichen einer sektoral und regional umfassenden Neuindustrialisierung des Ruhrgebietes. Neben der infrastrukturellen Erneuerung hatte man vor allem auf die Ansiedlung von Zweigwerken großer, außerhalb der Region ansässiger Konzerne mit modernen, wachstumsstarken Branchen gesetzt. Die Erfolge blieben bescheiden. Zudem erwiesen sich solche Zweigwerke als „schnell verderbliche Ware“, sie kamen und gingen nach den Regeln der einsetzenden Globalisierung (Beispiele sind Graetz, Siemens, Nokia und Opel). Die Neu-Industrialisierung war durch die „mentalen Altlasten“, danach mangels Masse umsiedlungsbereiter Großbetriebe und wegen nur kurzlebiger Teilerfolge gescheitert. In den folgenden Jahren zog die Landesregierung die Planungshoheit an sich.

    Ihr ging es nun um Bestandspflege. Es galt, sich verstärkt den endogenen Potenzialen, d.h. den ansässigen Schlüsselbranchen zuzuwenden. Dazu gehörte die Montan- und Energieindustrie. Der Kohlebergbau fand sich durch den ersten „Ölpreisschock“ Mitte der 1970er Jahre unerwartet wieder in der (subventionsgestützten) Rentabilitätszone, während der Stahlabsatz unter Überproduktion und Preisverfall litt. Die Region sollte als Energiezentrum der Bundesrepublik ausgebaut werden. Dieses Ziel kam jedoch nur noch ansatzweise zum Tragen, denn die große Stahlkrisen der 1970er Jahre führten zu bisher nicht gekannten und mit dem bisherigen Instrumentarium der landespolitisch zentralisierten Strukturpolitik nicht regulierbaren Herausforderungen.