Kulturalisierung der Stadtentwicklung / Kulturhauptstadt Europas 2010 Ruhr

Der „Kultur“ wird eine wesentliche Rolle für die Schlüsselkompetenzen der Identität, Kreativität, der politischen Teilhabe und zivilgesellschaftlichen Disposition zugesprochen. Ihr kommt aber auch Bedeutung als „weicher Standortfaktor“ (Bildungs-/Freizeitwert) für Unternehmen und qualifizierte Wissensarbeiter zu. Zudem darf die kulturwirtschaftliche Bedeutung, etwa bei der Schaffung von Arbeitsplätzen in der Tourismuswirtschaft, nicht unterschätzt werden. Das Kulturleben prägt nicht zuletzt wesentliche Bereiche des Regionalimages und des positiven regionalen Selbstbildes.

Der Niedergang der Montanindustrie machte nicht nur Unternehmen und ganze Branchen, Siedlungs- und Infrastruktur, Industrieflächen und –gebäude obsolet. Er entwertete auch das regionale Lebensmodell der Arbeiterschaft. Der Strukturwandel des Ruhrgebiets musste daher neben den ökonomischen, ökologischen und baulichen Dimensionen auch die gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungserfordernisse einschließen. Bereits die IBA folgte diesem Gedanken, in dem die industriekulturelle Vergangenheit nicht länger als eine Aufgabe ungeliebter Resteverwertung und Flächensanierung galt. Erhaltung, Denkmalsschutz und Umnutzung zu neuen Funktionen, somit Geschichtsbewusstheit, Identifikation mit der eigenen und ortsbezogenen Vergangenheit gehörten zu ihren Kernaufgaben.

Die Kulturoffensive „Ruhr 2010-Kulturhauptstadt Europas“ setzte diesen Gedanken fort. Dieses Thema wird hier jedoch nur randlich bearbeitet, da es Gegenstand intensiver begleitender Dokumentation u.a. durch den RVR war und ist (vgl. u.a. www.essen-fuer-das-ruhrgebiet.ruhr2010.de/). Es soll hier nur kurz umrissen werden.

Die Hauptziele des Großprojektes waren gerichtet auf:

  • Stärkung des sozialen Zusammenhalts (z.B. Stadtteilprojekte mit Bürgerbeteiligung);
Szene aus dem Landschaftspark Duisburg-Nord: illuminierter Hochofen<br>Quelle: RVR-Fotoarchiv, Permann o.J.
Szene aus dem Landschaftspark Duisburg-Nord: illuminierter Hochofen
  • Beiträge zur Wirtschaft (u.a. Standortimage, Tourismus, Kreativwirtschaft);
  • Neue Strategien der Stadtentwicklung (u.a. Festivalisierung und Baukultur).

Unter dem Motto „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ wurde eine Fülle von Projekten in 53 Städten der Region realisiert. Neben Event- und repräsentativer Baukultur setzt das Programm mit Kreativwirtschaft und Jugendkultur Schwerpunkte, die sich durch hochgradige Experimentierfreudigkeit auszeichneten.

Die „Ruhr 2010-Kulturhauptstadt Europas“ konnte – trotz der Katastrophe der Love Parade in Duisburg – kurzfristig (Medienpräsenz der Events, Image) wie mittelfristig (Kreativwirtschaft, Image, Tourismus) Erfolge zeitigen und eine gewisse Aufbruchstimmung erzeugen. Bedeutende Impulse für den Strukturwandel entfalten sich aber vor allem jenseits kurzfristiger ökonomischer Impulse im langfristigen Wandel regionalgesellschaftlicher Werte- und Handlungsmuster. Fraglich bleibt, ob es gelingt, entsprechende Projekte auf Dauer zu stellen.

Der Anspruch der „Kulturhauptstadt 2010“ auf „Wandel durch Kultur“ findet seine Chancen im neuen Gesellschaftsmodell der Wissensgesellschaft, in dem Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Kreativität zu einer wechselseitig aufeinander angewiesenen metropolitanen Lebens- und Standortqualität verwoben sind. Hier liegen aber auch Risiken und Grenzen, sofern das neue urbane Modell nur einer bestimmten „qualifizierten Stadtgesellschaft“ dient, somit exkludierend wirkt statt integrierend. Dadurch könnten entscheidende Ressourcen verspielt werden. Überdies lebt die Magie der Events und Festivals für den und im Augenblick. Wandel als gesellschaftlicher (Lern-)Prozess aber benötigt Zeit, die eher in Generationen denn in Jahren bemessen ist.