Experimental- und Lernfelder

Der in verlorener Größe und Stärke wurzelnde „Autozentrismus“ (z.B. Kirchturm- und Tonnagedenken, „mentale Altlasten“) hat erst in jüngerer Zeit eine systematische, überregionale Außen- und innerregionale Binnenkommunikation bzw. -kooperation ermöglicht. Das Ruhrgebiet erscheint auf ein „Europa der Regionen“ noch ebenso unzureichend vorbereitet zu sein wie auf Antworten, die angesichts der Herausforderungen durch die „Megatrends“ gefunden werden müssen.

Experimental- und Lernfelder einer „Anderen Metropole Ruhr“:

  • Bei enger werdendem finanziellem Handlungsspielraum und massiv zunehmendem Umbau- bzw. Gestaltungsbedarf (Infrastruktur, Wohnungsmarkt, Wirtschaftsstruktur) wird es auf die Qualität einer bislang nur in Anfängen beobachtbaren regionalen „Good Governance“ ankommen, auf den „aktivierenden Staat". Die Frühphase der neuen Regionalplanung versucht beispielsweise, dieses neue Denken zu realisieren (s.o.).
  • Die Erfordernisse der „co-opetition“ erfordern eine Balance zwischen Kooperation und Wettbewerb („competition“) in der Zusammenarbeit von Kommunen und Organisationen. Trotz einiger hoffnungsweckender Initiativen wie z.B. der Organisation „Städteregion Ruhr“ und Ansätze des interkommunalen Gewerbeflächen-Managements dominiert nach wie vor kommunales Kirchturmdenken. Leere Kassen, hoher Modernisierungsdruck und Schrumpfungsprozesse lassen ein Ende dieses kontraproduktiven Verhaltens kaum erwarten.
  • Leitvorstellungen im klassischen Denken der (monolithisch verdichteten) Metropolisierung haben die Chancen einer regionsweiten „Zwischenstadt“ in Vergessenheit geraten lassen. Wenngleich im Begriff nicht mehrheitsfähig, so bergen die strategischen Überlegungen dieses Modells viel Potenzial. Die „Andere Metropole“ könnte diesem Konzept einer Freiflächen durchwirkten Stadtlandschaft mit attraktiver postindustrieller Stadtnatur aufgreifen. Bergen doch die Konzepte zur neuen Stadtnatur gleich doppelte Chancen sowohl in ihrem Beitrag zur Energiewende (Biomassepark: Projekt CultNature) als auch zur Minderung der Gefährdungen durch den Klimawandel mit lebensbedrohenden Hitzeinseln über hochverdichteten Stadtkörpern der traditionell-europäischen Stadt im Muster der „Kompakten Stadt“;
  • Re-Urbanisierungsprozesse und das Leitbild „Zwischenstadt“ könnten zu einem Modell der „Dezentralen Konzentration“ integriert werden;
  • Dieses Modell erforderte zugleich zukunftsträchtige Innovationen in dezentrale Netz- und Band-Infrastruktur. Entwicklung und Erprobung kleinerer Versorgungseinheiten böten entsprechende regionalwirtschaftliche Chancen. Diese bleiben – gerade auch angesichts des anstehenden Klimawandels und der „Energiewende“ – bisher weitgehend ausgeblendet. Hier könnte und sollte ein Dekadenprojekt zu finden sein;
  • Zugleich könnte die „Andere Metropole“ eine Vorreiterrolle zur städtebaulichen Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels in der Tradition des „Living Lab“ einnehmen;
  • Schrumpfungsprozesse müssen enttabuisiert, nicht als Misserfolg, sondern als Chancen der Stadterneuerung und „Entdichtung“ begriffen werden;
  • Verluste an Bevölkerung, Humankapital, Unternehmen, Arbeitsplätzen und Kaufkraft müssen auch in suburbanen Räumen in die Planungen einbezogen werden. Noch fehlen Leitbilder für „Post-Suburbia“;
  • Gerade die ruhrgebietstypische Multi-Ethnizität vor allem in strukturschwächeren Quartieren nördlich des „Sozial-Äquators“ (Autobahn A 40) eröffnet vielfältige Potenziale an sozialen Innovationen: Ethnisches und kulturelles Diversity Management sollte vornehmlich nicht als Problem von Parallelwelten und Integrationsdefiziten, sondern als Chance begriffen werden. Ethnisch-lokale Wirtschaft ist in entsprechenden Quartieren nicht selten ein Wachstumsmotor;
  • Die Umnutzungschancen der Brachflächen wurden z.T. mit innovations- und imageträchtigen „Leuchtturmprojekten“ erfolgreich realisiert. Sie bedienen vornehmlich die Außensicht: Sie strahlen weit in die Welt hinaus, lassen aber die Nahumgebung im Dunkeln. Ein Patchwork-Management fehlt, das Leuchttürme und Nachbarschaftsquartiere verbindet;
  • Das Konzept der Nachhaltigkeit als Gestaltungsmaxime der Zukunft und der Industriebrachen als „Jahrhundertchance der Stadterneuerung“ fristet im Ruhrgebiet mit Ausnahme einiger IBA Emscher Park-Projekte in zu kleinen Dimensionen sein Dasein („Lokalen Agenda 21“; „Allianz der Fläche“, eine Landesinitiative; Einzelprojekte der „Integrierten Stadtentwicklung“).

Das Ruhrgebiet entfaltet sich – träge. Chancen einer „Good Governance“ mit Experten und mit Bevölkerung – und mit den neuen Medien? –, mit Antworten auf globale wie lokale Herausforderungen könnten als Modell einer „Glocal City“, den Unterschied, die „Andere Metropole“ machen. Die Charta Ruhr 2010 gibt wesentliche Impulse auf diesem Weg. Sie droht jedoch nach dem Jahr der „Kulturhauptstadt 2010“ in Vergessenheit zu geraten.