Kleingärten - Idyll zwischen Gurken und Grill

Eine Kleingartenanlage ist ein Mikrokosmos, der den Zustand der Gesellschaft in der Metropole Ruhr widerspiegelt. Da gibt es die Strengen, die die Rasenkanten mit dem Lineal nachmessen. Da gibt es die Schludrigen, die ihren Rasen noch nicht mal vor hohen Feiertagen mähen. Und dazwischen sind all die anderen: die Trägen, die Lustigen, die Lästermäuler, die Lockeren, die Lauschepper, die Fleißigen, die Geizigen, die Großzügigen … ganz wie im richtigen Leben. 

Deutsch-türkische Freundschaft im Schrebergarten in Castrop-Rauxel. Foto: WAZ-Fotopool/Reutter
Bild: Deutsch-türkische Freundschaft im Schrebergarten in Castrop-Rauxel. Foto: WAZ-Fotopool/Reutter

Feste feiern

Zusammenarbeit wird groß geschrieben in den Kleingartenvereinen der Region. Gemeinschaftsflächen müssen gepflegt, das Clubhaus betreut, Sträucher an den Wegen beschnitten, wichtige Dinge besprochen werden. Und – nicht zu vergessen – es wird auch tüchtig gefeiert, sobald sich eine Gelegenheit bietet: Sommerfest, Geburtstage, Hochzeitstage, Vereinsjubiläen … ein Grund findet sich immer, und wenn es nur ein besonders schöner Sommerabend ist!

Generationenwechsel

Es geht recht friedlich zu in den Schrebergärten der Metropole Ruhr. Dank dezidierter Vorschriften über den Abstand von Gehölzen zum Zaun, die Höhe von Bäumen und die Häufigkeit des Rasenmähens hat Wildwuchs gemeinhin keine Chance. Allerdings war der Schrebergarten genau aus diesen Gründen lange Zeit der Inbegriff des Spießertums, Gartenzwerge inklusive. Mittlerweile haben die meisten Vereine ihr Regelwerk gelockert und sich etwa auch auf die Bedürfnisse und Wünsche der jüngeren Generationen eingelassen. Und sie kommen mehr und mehr, die jungen Familien, die das Stück eingezäunte Freiheit für sich entdecken.

Idylle im Kleingarten. Foto: Christoph Heidenreich
Schafe in einer Kleingartenanlage

Edle Tropfen von der Ruhr

Herzstück jeder Parzelle ist die Laube, sorgfältig eingerichtet und mit Liebe gepflegt. Auf maximal 24 Quadratmetern befinden sich Küche, Ess- und Wohnzimmer. Übernachten ist in den Häuschen verboten.

Wo einst hauptsächlich Kartoffeln und Kaps geerntet wurden, wachsen heute Exoten wie Kiwi, Zitronen, Orangen und Feigen. Es soll sogar "Winzer" unter den Gärtnern geben, die tatsächlich aus den nicht gerade sonnenverwöhnten Trauben des Reviers einen sauren Tropfen machen.

Frischluft für Stadtkinder

Moritz Schreber hätte sich Ende des 19. Jahrhunderts nicht träumen lassen, dass es einmal eine Million Kleingärten in Deutschland geben würde. Was damals in Leipzig seinen Anfang nahm, um Stadtkindern die Natur näher zu bringen und ihnen durchs Gärtnern Verantwortungsgefühl beizubringen, schwappte schnell ins Ruhrgebiet über, wo Großindustrielle den Arbeitern Grabeland zur Verfügung stellten. Im Laufe der Zeit entwickelten sich daraus die Kleingartenvereine.

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Es geht auch anders:

Seit 1998 besteht der Kleingartenverein "Kraut und Rüben e. V." in Bochum. Naturschutz ist das wichtigste Wort in der Vereinssatzung. Es gibt einen naturnahen Spielplatz, eine Obstwiese, eine Kinderparzelle, ein Feucht- und Trockenbiotop, einen Imker-Garten und einen Stall für bäuerliche Kleintiere. Und auch sonst ist hier einiges anders als anderswo.

www.oekokleingarten.de

Das Netzwerk "Urbane Oasen" bringt die Gemeinschaftsgärtner der Metropole Ruhr zusammen: Es informiert über Veranstaltungen, präsentiert bestehende Projekte und Gärten und bietet Gartengründern ein Forum, um Mitstreiter zu finden. Dort können sich auch "Urban Gardening"-Aktive austauschen, Fragen stellen oder Saatgut bzw. Werkzeuge tauschen.